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Die Schule als Betriebspraktikum der Gesellschaft

Wer kennt diese Situation nicht? Ein langweiliger Schultag wird unterbrochen durch die Rückgabe einer Klassenarbeit oder Klausur. Ein aufregendes Erlebnis, für manche im positiven und für manche im negativen Sinne. Alle wollen unbedingt wissen, was für eine Note sie bekommen haben, der Rest, wie z.B. die Notizen der Lehrerin oder die eigenen Fehler, die man gemacht haben soll, interessieren erst einmal weniger. Wichtig ist die große rote Note, die drunter steht. Und dann kommt das unvermeidbare Vergleichen: Welche Note hast du bekommen?

Aha, wie viele Punkte mehr oder weniger als ich? Alle freuen sich, wenn sie die bessere Note haben und sind frustriert oder unglücklich, wenn diesmal oder schon wieder nur eine Vier drin war. Das zieht nämlich oft Ausgehverbot am Wochenende oder ähnliches nach sich. Und das ist immer ärgerlich.Dann wird noch der Notenspiegel an die Tafel geschrieben. Aha, Durchschnitt 2,8. Nicht das Beste, sagt die Lehrerin, aber im Bereich des Erträglichen. Die drei Fünfen sind natürlich nicht so schön. Eine alltägliche Situation, doch...

Was passiert hier eigentlich?

Notengebungen lösen bei fast allen Schüler_innen Konkurrenzdenken aus. Und es kommt ja auch von überall her Druck: Von den Eltern oder anderen Verwandten, die viel mehr erlauben, wenn in der letzten Klausur eine gute Note geschrieben wurde, vielleicht sogar Geld zahlen oder etwas Schönes schenken. Bei einer schlechten Note erwarten eine_n Moralpredigten, Verbote und die Gefährdung einer entspannten Beziehung zu den Erziehungsberechtigten.

Auch die Lehrer_innen behandeln die Schüler_innen, die bessere Noten schreiben, respektvoller und sind eher zu Diskussionen oder Ähnlichem bereit als bei Schüler_innen, die nicht so gute Noten schreiben. Immer wieder reiben sie einem_r die verheerenden Folgen unter die Nase, die aus einer schlechten Note resultieren könnten und auch von ihnen kommen Predigten darüber, wie faul alle mal wieder waren...

Doch auch die Mitschüler_innen selbst stecken eine_n schnell in eine bestimmte Schublade, wenn man eine bestimmte Note schreibt, ist er_sie gleich dumm oder der_die Streber_in. Da so viel von den angeblichen Leistungen in der Schule beeinflusst wird, ist das eigene Selbstwertgefühl davon fast immer abhängig. Diejenigen, die gute Noten hervorbringen, sind oft zufrieden mit sich, wer nicht so gute Noten schreibt, ist häufig frustriert.

Nicht für die Schule sondern für das Leben lernen wir!?

So falsch uns dieser Ausspruch bei all den absurden Lehrinhalten, die wir täglich in uns reinpauken, auch vorkommen mag, enthält er doch eine wahre Aussage über das Verhältnis von Schule und Gesellschaft. Schule existiert nicht im luftleeren Raum – Lehrinhalte, Methoden, Noten, Leistungsdruck und Konkurrenz sind kein Selbstzweck.

Wenn wir eine schlechte Note bekommen, fürchten wir zunächst die Schelte unserer Eltern und Lehrer_innen und die Druckmittel, die sie in Anschlag bringen werden, um uns zu mehr Leistungen, Konzentration und Lerndisziplin zu zwingen. Die Befürchtungen, die sie dazu bewegen und die uns hin und wieder selbst im Nacken sitzen, gehen darüber hinaus. Noten und Schulabschlüsse bestimmen später welche Chancen die Einzelnen haben werden – zu studieren, eine Ausbildung ihrer Wahl zu machen, eine anerkannte und gut bezahlte Beschäftigung auszuüben usw.

Die Guten ins Töpfchen die Schlechten in Kröpfchen…

In der Schule wird vorprogrammiert wer einmal wie viel schuften muss, um okay leben zu können. Die Schule hat die wichtige Aufgabe zu sortieren, wer letztlich mehr, weniger oder keine gesellschaftliche Anerkennung zu erwarten haben wird. Dabei zeigen gerade die Struktur des mehrgliedrigen Schulsystems, die Kursaufteilung in Gesamtschulen und das Bestreben einer Normalverteilung aller Noten von 1 bis 6 in einer Klasse, dass gesellschaftlich und bildungspolitisch kein Interesse daran besteht, allen Menschen eine möglichst gute Ausbildung und ein möglichst breites Wissen zu vermitteln. Sondern dass das Ziel gerade darin besteht, Unterschiede herzustellen. So werden die im Kapitalismus übliche Arbeitsteilungen (von der Reinigungskraft bis zu den Abteilungsleiter_innen/Manager_innen) und Bevorteilung sozialer Schichten und Gruppen gegenüber anderen durch Schule nicht nur nicht aufgebrochen, sondern hergestellt und verfestigt.

Die andere Seite der Lehrpläne

Schließlich setzt die Schule in ihrer Funktion als Lebenschancen-Verteilerin aber eine ganze Reihe von Verhaltensweisen durch, die über das Leistungs- und Konkurrenzfähig-Machen der Schüler_innen hinausgehen. In der Schule lernen wir, uns anzupassen und gehorsam gegenüber Autoritäten zu sein. Uns wird beigebracht, in anderen gesellschaftlichen Bereichen, z.B. gegen Chefs im Betrieb oder Büro oder gegen Beamte und Behörden des Staates später einmal nicht aufzumucken. Wir lernen unkritisch zu sein gegenüber Inhalten und Hierarchien. Das bedeutet auch, dass wir Normen, Bilder und Vorstellungen verinnerlichen, die uns in Unterricht und Schulbüchern vermittelt werden.

Jede_r ist seines_ihres Glückes Schmied_in?!

Wer schlechte Noten hat oder gar seinen_ihren Schulabschluss nicht schafft, dem_der wird vermittelt, sie_er trage letztlich selbst Schuld daran. Schließlich hätte sie_er ja mehr Zeit fürs Lernen aufwenden oder sich mehr Mühe geben können. Anderen wird vermittelt, es sei für sie anscheinend eh besser, eine Ausbildung zu machen anstatt zu studieren. Oder, dass ihnen für bestimmte Tätigkeiten und Aufgaben, die sie interessieren, leider die nötige Begabung fehle. Pech also? Schicksal?

Bewertungen in der Schule geben vor objektiv zu urteilen über Intelligenz, Fähigkeiten und Begabungen. Es ist also nicht verwunderlich, dass Noten uns auch entgegen unseren Bedürfnissen und sonstigen Wahrnehmungen vermitteln wer wir sind, was wir können und wie viel das wert ist. Uns wird damit aber auch vorgemacht, dass gesellschaftliche Ungleichheit in der Natur der Verschiedenheit von Menschen bzw. an der Faulheit einiger liege. Im bestehenden Schulsystem geht es aber nicht darum, nach den Bedürfnissen der Einzelnen zu fragen und allen durch den Zugang zu Wissen ein größeres Maß an Freiheit und Selbstbestimmung zu geben.

Schule verändern heißt Gesellschaft verändern!

Deshalb richtet sich unsere Kritik nicht einfach nur gegen Noten, Leistungsdruck und Schulzwang, sondern auch gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Schule zu der Institution machen, die sie heute ist. Wir wollen keine Lernfabrik! Wir fordern die Abschaffung der Schule in ihrer derzeitigen Form!

Für ein herrschaftsfreies selbstbestimmtes Lernen!


 

Schlagworte: Politik