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Der Kapitalismus, der alte Schlawiner…

„Der Kapitalismus befindet sich in einer Krise“. Dieser Satz hat es in den letzten Monaten fast zur Allgemeingültigkeit geschafft. In bestimmten Kreisen besteht sogar Konsens, wonach der Kapitalismus sich nicht in einer Krise befindet, sondern selbst die Krise ist. Eine Erkenntnis, die neuerdings über die Grenzen der Reflex-Sozialisten, der linken (Subkultur) und Schlagwort-Oppositionellen hinweg diskutiert werden darf und wird. Selbst als bekennender Konservativer schickt es sich an, den Kapitalismus ein bisschen doof zu finden.

Und doch ist es nur Phrasendreschen, solange nicht erkannt wird, dass mensch Akteur_in innerhalb des Kapitalismus ist und damit auch immer einen Wirkradius hat, der notwendigerweise über die Formulierung von Kritik hinausgehen muss.
An dieser Stelle sieht mensch sich häufig mit der Argumentation konfrontiert, dass eh alles system- bzw. kapitalismusimmanent ist und aus diesem Grunde eh alles wieder zurückführt in das System/ Kapitalismus. So werden gewisse ‚pseudo-antikapitalistische` Aktivitäten unreflektiert beibehalten oder als Möglichkeit des Handelns aufgezeigt. Zum Beispiel das Einkaufen in Bio-Supermärkten, die weiterhin eine kapitalistische Logik beibehalten (müssen) - mit besseren Gewissen- oder das Betätigen im so genannten Natur-Sport, wo sich mensch für saubere Flüsse (Berge/Wälder/etc.) engagiert, um sich im schön-ökologischen Ambiente eine Auszeit vom anstrengenden Wochenjob zu gönnen. Natürlich halte ich es für sinnvoll, den Anbau von Bio-Lebensmitteln zu fördern, da die unkontrolliertere konventionelle Landwirtschaft, die mit Pestiziden und rücksichtsloser Praxis den Boden vergiftet, scheiße ist, genauso wie ganz offensichtlich saubere Flüsse toller sind als Gift-Brachen, und doch stört mich die Selbstgenügsamkeit, die vergisst, warum Flüsse keine Lebensräume sind oder warum konventionelle Landwirtschaft die Böden (besonders stark) ruiniert,und glaubt, mit dem Kauf einer Bio-Karotte die Welt zu retten.
Vielleicht wäre es da schon ein Anfang über den eigenen Tellerrand hinweg zu schauen, um zu sehen, dass es nicht nur um Umweltschutz in der eigenen Region gehen kann, dass beispielsweise eine Subventionierung von Landwirtschaft lebenszerstörende Auswirkungen gerade mal 3000 km südlich haben kann und hat. Kapitalismuskritik kann nur Kritik des Kapitalismus sein, da ein Konstrukt, welches auf Verwertung und Profitsteigerung ausgelegt ist, notwendigerweise keine Rücksicht auf ökologische oder soziale Folgen nehmen kann. Etwaige Reformierungen des Kapitalismus stellen bloß eine Verschiebung der Problematik aus dem Blickfeld der Kritiker_innen dar. Hier setzt auch meine Kritik am Naturschutz an, dem ich (meinetwegen nennt es böswillig) häufig eine Tendenz zum bloßen „Heimatschutz“ unterstelle. (So machen beispielsweise fliegende Pollen genveränderter Pflanzen nicht an Grenzen nationaler Staaten halt, also macht es selbst in der „Nicht-in-meinem-Land“-Logik keinen Sinn, nur regional zu handeln.)
Als Positiv-Beispiel wäre hierbei das Bemühen verschiedener ökologischer Gruppen zu nennen, die die Schnittpunkte verschiedenster Kämpfe (Ökologie, Anti-Rassismus, Landbesetzer_innen- Bewegung) geschafft haben aufzuzeigen und sie als zusammenhängende und aufeinander beziehende Positionen eines anti-kapitalistischen Protestes und/oder Widerstandes zu benennen und zu vereinen.

Es kann nicht darum gehen, den Kapitalismus als schlecht zu „entlarven“, sondern eigene Handlungsperspektiven zu entwickeln.
„Eine Gesellschaft lässt sich nur durch veränderte Praxis aktiv herbeiführen“, so heißt es auch im Aufruf einer Gruppe, die Anfang Juni in Darmstadt ein seit Jahren leerstehendes Haus besetzte.
Und auch in Bensheim wurde das ‚JuZ Maraldo‘ in einer alten Kaserne gegründet.
Diese Aktionen sind mehr als Symbolik und ich halte diese Form der Selbstermächtigung und das (zeitweise) Entziehen der Objekte aus der Markt- und Verwertungslogik hin zu Räumen, in denen emanzipatorische und bedürfnisorientierte Praxen erprobt, entwickelt und gelebt werden können, für durchaus adäquat. Mehr davon.

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Schlagworte: Kapitalismus