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Ein fremder Blick auf Deutschland – Wiederentdeckung von Hans Paasche und Lukanga Mukara

Als Hans Paasche 1912 und 1913 erstmals die Briefe von Lukanga Mukara in der Zeitung veröffentlichte, war die Aufregung groß. Was Lukanga Mukara oft mit großem Staunen und einfachen Worten seinem König schildert, ist eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Gesellschaft und den damaligen Werten und Bräuchen. Aber auch heute stelle ich mir beim Lesen oft die Frage: „Was hat sich wirklich geändert?“

Der Roman von Hans Paasche berichtet in neun (fiktiven) Briefen von dem afrikanischen Forschungsreisenden Lukanga Mukara, der Deutschland bereist und seinem König von seinen Beobachtungen und Erlebnissen berichtet. Er beschreibt Sitten und Bräuche der deutschen Kultur, und löst durch seinen „fremden“ Blick auf die Situationen beim Lesen Fragen und Zweifel aus. Die Themen der Briefe sind: „Von Münzen, Kultur und Briefen“, „Vom Rauch, von der Arbeit und der Unsitte des Bekleidens“ u.a. Der Inhalt ist trotz seiner über 80 Jahre hochaktuell und eignet sich hervorragend dafür, den Blickwechsel zu üben, sich für interkulturelle Themen zu sensibilisieren und sich kritisch mit der eigenen Gesellschaft auseinander zu setzen. Und ganz nebenbei ermöglicht es einen Einblick in eine zurückliegende Zeit

Geboren 1881 in Rostock, war Hans Paasche Marineoffizier, Pazifist, Schriftsteller, Kommunist und Visionär. Er setzte sich leidenschaftlich für Frieden, Natur- und Umweltschutz ein und war einer der Vordenker der heutigen Umweltbewegung. Seine Erfahrungen als Marineoffizier in den deutschen Kolonien und die Ideale aus der deutschen Jugendbewegung prägten ihn tief und ließen ihn für eine friedliche, gleichberechtigte, naturverbundene Gesellschaftsform kämpfen. 1920 wurde er bei einer Hausdurchsuchung „versehentlich“ erschossen.

Das Buch ist einfach und lustig geschrieben und bekommt durch seine märchenhafte Sprache einen besonderen Reiz. Einige Beschreibungen geben Rätsel auf, deren Lösung teilweise historische Kenntnisse erfordert. Dabei hilft in dieser Ausgabe der ausführliche Anhang. Der Anhang gibt einen guten Überblick über Paasches Leben und die damalige Zeit und dadurch die Möglichkeit, die Brisanz und Ideale des Buches zu würdigen. Leider sind die Aufsätze teilweise sehr pathetisch geschrieben.
Das Ideal der engen Naturverbundenheit, das immer wieder zwischen den Zeilen hervorschimmert, wirkt aus heutiger Sicht vielleicht verklärt und romantisch, gibt aber den Geist der damaligen Zeit und die Begeisterung Paasches wieder und macht Lust Visionen für eine andere Gesellschaftsform zu spinnen.

„Die Briefe des Lukanga haben einen besonderen Wert. Der fremde Mann legt an die Zustände in Deutschland seinen Maßstab. Was uns gewohnt erscheint, fällt ihm auf. Seine Beobachtungsgabe und die Nacktheit seines Urteils bringen es mit sich, dass er bedeutend über Dinge sprechen kann, denen wir selbst gar nicht einmal unbefangen gegenüberstehen können.“ (Hans Paasche)

Paasche, Hans: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschlands, Donat Verlag, Bremen 2010. (Herausgegeben von Franziskus Hähnel mit Beiträgen von Iring Fetscher und Helmut Donat). 168 Seiten Hardcover, 12,80 Euro, ISBN: 978-3-938275-63-4.
 

Schlagworte: Buch, Afrika, Kultur, Deutschland