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Lieber wütend als traurig
In der Biographie folgt er ihren Lebensweg von ihrer Geburt in Oldenburg bis zu ihrem frühen Tod im Gefängnis in Stammheim am 9. Mai 1979, wo sie am Morgen erhängt in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Als eine der MitbegründerInnen der Roten Armee Fraktion (RAF) wurde ihr dort der Prozess gemacht. Sie trug wohl maßgeblich dazu bei, das Deutschland in den 70er Jahren kein allzu friedlicher Ort war. Die Stimmung war aufgeheizt: Der Staat entpuppte sich seinen politischen Gegnern als der Feind, als der er schon immer gesehen wurde: Isolationshaft für die politischen Häftlinge, Straßenkontrollen waren an der Tagesordnung und Fahndungsplakate von gesuchten TerroristInnen hingen in jedem Geschäft und an jeder Litfasssäule. Ein Bild von ihr war auch immer dabei.
Wer war Ulrike Meinhof? Nachdenklich, engagiert, mitfühlend: so wird sie vielfach als Jugendliche und junge Erwachsene von Weggefährten charakterisiert. Eine Frau, die etwas verändern will, aber immer ohne Gewalt, denn sie fühlt sich der christlichen Ethik stark verbunden. Lange Zeit sieht sie ihre Aufgabe im Schreiben und Berichten aber irgendwann in ihrem Leben verändert sich diese Haltung und das Bedürfnis „wirklich etwas zu tun“ wird immer stärker. Aus der fundamentalen Ablehnung von Gewalt wird nach und nach die Haltung, zum Einsatz von Gewalt als politisches Mittel verpflichtet zu sein. Vor allem durch den Kontakt mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin kommt eine neue Radikalität in Ulrike Meinhofs Leben. In der Darstellung von Alois Prinz ist irritierend, dass der charismatische Baader Kopf und Initiator der radikalisierten Bewegung gewesen zu sein scheint. Es entsteht der Eindruck, als hätte es die RAF ohne ihn nie gegeben und vielleicht ist das ja auch so? Absurd daran ist, dass bei Andreas Baader überhaupt keine inhaltlich begründete politische Haltung durchkommt, ganz im Gegensatz zu Ulrike Meinhof.
Schwierig zu verstehen sind auch die politischen Beweggründe der RAF. NeueinsteigerInnen in das Thema wird es schwer fallen, bei den zahlreichen Argumentationen, Haltungen, Wortmeldungen, Widersprüchen und Reaktionen der verschiedenen handelnden Parteien einen Überblick zu gewinnen und den Kern der Argumentationslinien zu erkennen. Die ProtagonistInnen wirken teilweise einfach nur ziemlich durchgeknallt – und das waren sie ja vielleicht auch. Dieser Eindruck entsteht mit Sicherheit auch dadurch, dass der Zeitgeist heute ein ganz anderer ist. Der Staat erscheint uns eher als Garant von Stabilität und Sicherheit. Wir können uns ja heute kaum noch vorstellen, dass Menschen sich wirklich in ihrer Freiheit beschnitten fühlen wegen einer Volkszählung, wegen Abhörskandalen, wegen der Angst vor einem neuen Faschismus und dafür auf die Straße gehen oder zu radikaleren Mitteln greifen. Das sollte man beim Lesen immer im Blick behalten.
Hilfreich und gut ist es, wenn der Autor, wie am Anfang und am Ende der Biographie als persönlicher Spurensucher in Erscheinung tritt. Das erleichtert einerseits den Einstieg und andererseits wird dadurch deutlich, dass hier seine Sicht der Dinge zusammengetragen wurde, die eben immer nur ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit ist. Mehr von dieser Transparenz hätte der Lesbarkeit der Biographie und dem subjektiven Charakter von Geschichtsbildern und -erzählungen sicher gut getan.
Alois Prinz: Lieber wütend als traurig. Beltz und Gelberg, 2005, 9 Euro.
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