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Mittendrin statt nur dabei - die Katastrophe als Live-Act
Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information. Die Presse übernimmt wichtige Aufgaben und darf in einer Demokratie weder fehlen noch durch eine staatliche Zensur eingeschränkt werden. Doch genau deswegen sollten die Medienmacher über wenigstens ausreichende moralische und ethische Vorstellungen verfügen, um zu entscheiden, wie weit sie für eine gute Story wirklich gehen wollen.
Wer schafft die meisten Live-Schaltungen?
Ein gutes Beispiel hierfür war die Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden im März 2009. Eine Sternstunde für jeden Journalisten: Live-Schaltungen zum Tatort, Interviews mit ExpertInnen, Einsatzkräften, Angehörigen, Augenzeugen und unter Schock stehenden Jugendlichen. Hinzu kamen schematische Darstellungen des Tatortes und Fotos des Täters und der Opfer. Als Dreingabe wurden Bilder von Überwachungskameras geliefert, damit sich jeder ein genaues Bild von der Katastrophe machen konnte: „Mittendrin statt nur dabei!“
Bei derartigen, sich über Stunden hinziehenden Geschehnissen, wie Amokläufen, Terroranschlägen oder Naturkatastrophen, übertrumpfen sich die sensationsgierigen Presseteams regelmäßig. Wer kommt näher an den Tatort ran? Wer kann die verstörtesten Opfer und wer die verzweifeltsten Angehörigen vor Mikrofon und Kamera zerren? Wer schafft die meisten Live-Schalten zu betroffen dreinguckenden und in Wirklichkeit nur auf ihren großen Moment wartenden AußenreporterInnen, die einem alle wieder und wieder die aktuellsten Neuigkeiten mitteilen, egal ob es etwas Neues zu berichten gibt oder die Infos von der letzten Live-Schaltung noch einmal wiederholt werden.
Die Medien als Buhmänner? Dieses Urteil ist zu einseitig. Egal ob Zeitung oder Fernsehen, letztlich sind auch Medien – nichts anderes als Unternehmen, die Gewinn erwirtschaften müssen. Der Gewinn berechnet sich in diesem Fall durch Auflagezahlen bzw. Werbeeinnahmen, die wiederum von der Zuschauerzahl abhängen. Kurz: Es wird produziert, was Quote bringt. Wenn niemand Interesse am "Public viewing" – im wahrsten Sinne des Wortes – zeigen würde, würde auch niemand darüber berichten. Wer mit dem Finger nur auf die Medien zeigt, macht es sich zu einfach.
Ein Spiegelbild der Gesellschaft
Letztendlich sind die Medienberichte nur ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Und unsere Gesellschaft ist sensationsgeil. Anders kann man es nicht nennen, wenn die Polizei Probleme hat, die GafferInnen auf der anderen Seite des Absperrbandes zu halten. Ein Stau entsteht bei einem Unfall meist nur dadurch, dass andere VerkehrsteilnehmerInnen im Schneckentempo am Ort des Geschehens vorbeizuckeln, um sich ja nichts entgehen zu lassen. Genau aus denselben Gründen entstehen pietätlose Berichte: Die Menschen wollen nichts vom Elend verpassen.
Doch woher kommt diese Sensationslust? Sind es unsere niederen Instinkte, die wir befriedigen müssen? Ist es unsere emotionale Seite, die angesprochen werden will? Ist es das Elend der Anderen, an dem wir unser eigenes Wohlbefinden festmachen können? Ist es das Gänsehaut-Gefühl, das wir verspüren wollen, immer mit dem Wissen, dass wir selber nicht betroffen sind? Darüber kann man sich streiten. Aber eins steht fest: Wir haben es selber in der Hand, was wir in den Nachrichten zu sehen bekommen: Bevor wir uns über die respektlosen und aufdringlichen Journalisten aufregen, sollten wir konsequent sein und abschalten.
Das bedeutet nicht, dass wir kein Interesse am Schicksal unserer Mitmenschen haben sollen. Als interessierter Mensch möchte man über Probleme und Geschehnisse informiert werden, aber bitte ohne News-Ticker, Live-Schaltung, Experteninterview und einer schematischen oder computeranimierten So-könnte-es-gewesen-sein-Darstellung oder sonstigen journalistischen Mitteln, die die Katastrophe zum Show-Event werden lassen.
Schlagworte: Medien
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