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„Gerechtigkeit für wen?“
Was bedeutet für Sie Gerechtigkeit?
Die Begriffe „Gerechtigkeit“ oder „Ungerechtigkeit“ haben viele Seiten: Jemand fühlt sich zum Beispiel „ungerecht“ behandelt oder findet es „ungerecht“, nicht dasselbe wie jemand anderes zu besitzen. Immer geht es dabei um einen Vergleich in der Familie, dem Freundeskreis oder in der Schule. Gerechtigkeit ist aber auch wichtig für Menschen, die noch gar nicht geboren sind oder die wir nicht persönlich kennen, weil sie weit entfernt von uns leben. So haben wir Menschen heute eine Verantwortung dafür, dass künftige Generationen auf der Erde gleiche Chancen zum Leben vorfinden. Wenn wir heute aber bereits Luft und Wasser stark verschmutzen oder wichtige Rohstoffe verbrauchen, ist das diesen Menschen gegenüber „ungerecht“. „Ungerecht“ ist es aber auch, wenn wir für uns Vorteile beanspruchen, die zum Nachteil für Menschen in anderen Teilen der Welt sind.
Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?
Wer freut sich zum Beispiel nicht über den Kauf eines billigen T-Shirts – egal wie stark die Umwelt beim Anbau der Bauwolle belastet wird oder wie schlecht die Menschen bezahlt werden, die es herstellen oder die Baumwolle pflücken. Wir verkaufen Altkleider nach Afrika und schaden dort den Nähbetrieben, die nicht so billig produzieren können. Wir exportieren Butter oder Fleisch nach Afrika und bekommen dazu noch finanzielle Unterstützung der EU, auch wenn wir damit die lokalen Preise kaputt machen. Dies alles sind Beispiele dafür, wie die Vorteile für die Einen eng verbunden sind mit Nachteilen für Andere – auch darin besteht eine „Ungerechtigkeit“.
Auch beim Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009 wurde oft von globaler Gerechtigkeit gesprochen – können Sie das erläutern?
Wenn wir verhindern wollen, dass die globale Erwärmung über zwei Grad Celsius steigt, so muss der Ausstoß klimaschädlicher Gase begrenzt werden. Darin sind sich Wissenschaftler und Politiker einig. Offen blieb in Kopenhagen allerdings, welche Länder wie stark zu diesem Ziel beitragen müssen. Klar ist, dass die reichen Industrieländer mehr tun müssen. Nicht nur, weil sie reicher sind, sondern auch weil sie in der Vergangenheit ihre „Verschmutzungsrechte“ bereits aufgebraucht haben. Wissenschaftler, welche die Bundesregierung beraten, haben daher eine Obergrenze von „Verschmutzungsrechten“ vorgeschlagen. Jeder Mensch dürfte dann künftig nur noch gleich wenig Treibhausgase verursachen – egal ob dieser in Äthiopien oder in Deutschland lebt. Die Länder, die mehr Klimagase produzieren, müssten denjenigen, die weniger verursachen, deren „Verschmutzungsrechte“ abkaufen. Das wäre „gerecht“. Dass es in Kopenhagen zu keiner Einigung gekommen ist, liegt daran, dass die Länder mit besonders hohem Ausstoß von Klimagasen wirtschaftlich mächtig sind und solche Ausgleichszahlungen verhindern wollen.
Welchen Beitrag kann Entwicklungszusammenarbeit für mehr globale Gerechtigkeit leisten?
Gerechtere Handelsbeziehungen erreichen mehr, als Entwicklungszusammenarbeit je leisten kann. Würden die afrikanischen Länder zum Beispiel mehr Waren nach Europa verkaufen und dafür auch gerechtere Preise erhalten, wäre die Wirkung deutlich höher. Trotzdem leistet Entwicklungszusammenarbeit einen wichtigen Beitrag, weil sie zum Beispiel Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika unterstützt, ihre Interessen bei internationalen Verhandlungen besser zu vertreten. Durch Weiterbildung, Beratung und auch finanzielle Unterstützung leistet sie Beiträge zur Ernährungssicherung, fördert das Bildungs- und Gesundheitswesen, verbessert die Wasserversorgung, die Abwasser- und Abfallbehandlung gerade in den immer größer werdenden Städten, stärkt staatliche Einrichtungen, private Unternehmen und Verbände und unterstützt nichtstaatliche Organisationen. Armutsbekämpfung und Klimaschutz sind dabei von zentraler Bedeutung.
Was bedeutet globale Gerechtigkeit für uns?
Auch Länder wie Deutschland sind „Entwicklungsländer“! Sie müssen vormachen wie es gelingt, so zu leben und zu wirtschaften, dass wir zum Beispiel nur noch einen Bruchteil der Energie und der Rohstoffe verbrauchen, die wir heute benötigen. Ein Teil der Einsparungen kann sicherlich durch modernere Technologien erreicht werden, ein anderer durch Änderungen in unserem Verhalten, in der Form wie wir Güter herstellen und konsumieren. Die gute Nachricht dabei: Jeder kann dazu beitragen – und am Anfang ist es sogar recht leicht. Fast jeder kann bestimmt zehn Prozent Energie einsparen ohne etwas zu merken.
Das Interview führte Nina Bartz
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